Raus aus der Blase, rein ins Lernen | #SmartWork2018

Am 12. April fand das erste Panel #SmartWork2018 in unseren Räumlichkeiten am Hamburger Hafen statt. Vor 40 geladenen Gästen diskutierten sechs Experten, u.a. von Google und der Bertelsmann Stiftung, in offener Runde die drängendsten Fragen zu Arbeit in Zukunft. Wir haben die Highlights und Keynotes des Events für Euch zusammengefasst.

Unternehmer, Gestalter und Personalverantwortliche an einem Tisch

Moderator Karsten Lemm, Senior Editor von WIRED Deutschland, diskutierte mit Jochen Eckhold, Gründer von queference und ehemaliger Global HR von Tchibo, Merete Beckmann, Learning & Development Manager bei Google, Dwight Cribb, Gründer und Geschäftsführer der Dwight Cribb Personalberatung, Dr. Ole Wintermann, Senior Project Manager bei der Bertelsmann Stiftung und Gastgeber Daniel Barke, Gründer und Geschäftsführer von MylittleJob. Die Ausgangsfragen des Panels lauteten: Wie verändert Künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt? Wie können Qualifikation und Ausbildung besser angelegt werden? Wie kann KI helfen, Bildung und Erfolg demokratischer zu gestalten? Und welche Rolle kann Deutschland in dieser Entwicklung international einnehmen? Durch die unterschiedlichen beruflichen Blickwinkel der Speaker entstand ad hoc eine lebendige Diskussion mit pointierten Einsichten: Jüngste Studien und das Wissen aus Managementetagen ergänzte sich mit Eindrücken aus dem Inneren von Google und der Human Resources-Praxis. Das Publikum aus HR-Verantwortlichen, Gründern, Uni-Beauftragten und Beratern sollte mitdiskutieren und wurde von Beginn an miteinbezogen. So ergaben sich zahlreiche spannende Synthesen und Erkenntnisse.

Die deutsche Angst und der Blind Spot von Unternehmen

Während die Medien die Angst vor Robotern und Automatisierungen schüren, kämpfen Mitarbeiter und Manager in etablierten Unternehmen noch an vorgelagerter Front. Führungspersonen in kleinen und mittelständischen Unternehmen sollen Hierarchien durch Teamplay ersetzen und KI im Recruiting nutzen – die Folge sind Fragezeichen, die Angst vor Fehlern und Kultur-Clashs in einem oft noch nicht einmal digitalisierten Umfeld. Im Mittelbau des Managements beispielsweise, so die Erfahrung der Speaker, stehen erfahrene Führungspersonen frustriert vor der Forderung nach flachen Hierarchien, die ihren Fortschritt auf der Karriereleiter ad absurdum führen. In Personalabteilungen seien die Bedenken vor dem Scheitern mit neuen Prozessen und Werkzeugen eine deutliche Bremse. Diese Angst, das zeige der Blick in US-Unternehmen wie durch MylittleJobs New Yorker Büro, ist ein deutsches Problem. Innovative Tests würden oft versteckt und nicht konsequent ausgerollt. Ganz anders als bei Google Deutschland, wo über Scheitern im Sinne von Learnings auf einer internen Bühne berichtet wird. Verunsicherung herrsche auch bei der drängenden Suche nach IT-Talenten und neuen Fähigkeiten, der viel beklagte Fachkräftemangel sei angesichts der heutigen Referenzen und Recruitingsysteme jedoch eher als Blind Spot zu betrachten. Interessant: Einzelne Abteilungen zeitweise die Luft von Co-Working-Büros wie WeWork schnuppern zu lassen, entwickle sich oft als Bumerang, weil viele dieser Mitarbeiter angesichts der neu erlebten Freiheit im Anschluss kündigen. 

Tätigkeit statt Beruf, soziale Skills und weniger „Oxbridge“

Trotz dieser Herausforderungen zeigte die Diskussion auch zahlreiche Lichtblicke auf, als es um die praktischen Veränderungen durch intelligente Maschinen am Arbeitsplatz und die Chancen von KI in der Bewertung von Arbeitskräften ging. Vorweg: Die Schwarzmalerei prominenter Studien über wegfallende Jobs, darf getrost als unseriös gelten, u.a. weil sie die Veränderung von Berufsbildern nicht berücksichtige. Als sicher gilt, dass Berufe zukünftig in Tätigkeiten herunter gebrochen werden. Künstliche Intelligenzen werden vor allem bürokratische, rationale Tätigkeiten übernehmen, viel Fleißarbeit. Die Recherche von medizinischen Eckdaten zur Anamnese eines Patienten gehörten zum Beispiel dazu, während der Arzt sich stärker auf den psychologischen und sozialen Part seiner Arbeit konzentrieren könne. So würde in vielen Berufen das, was uns als Menschen ausmache, das Kreative, das Problemlösende und Soziale, wichtiger. Diese Skills werden durch Algorithmen besser messbar. Insbesondere wenn stereotypenlastige Informationen zu Geschlecht, Herkunft, Universität und Abschluss wegfallen, entstünden schlichtweg gerechtere Informationen für die Einstellung und Beförderung von Menschen. Dies sei besonders für Frauen wichtig. Eine aktuelle Studie der Arizona State University zeige, dass Studentinnen ihre eigene Intelligenz im Durchschnitt niedriger einstufen als ihre männlichen Kommilitonen, selbst wenn es zwischen den Befragten in puncto Noten und objektiv gar keinen Unterschied gebe.

Die gute Nachricht: Selbsteinschätzungen, traditionelles Fachwissen sowie der „Oxbridge“-Vorteil eines Elite-Uni-Abschlusses könnten dank schlauer Algorithmen in den Hintergrund treten, kontinuierliches Lernen hingegen in den Vordergrund. Bei Google dürfen Mitarbeiter selbst entscheiden wofür und über welche Methoden sie ihr Weiterbildungsbudget einsetzen. Das habe aber nichts mit Waldorf zu tun, sondern soll den Lernenden befähigen, seine Quartalsziele zu erreichen – besser als durch ein One-for-All-Programm. In Hamburg bilden sich 75% der Google-Mitarbeiter übrigens über Peer-to-Peer-Wissen weiter. Nichtsdestotrotz müssen sich Studiengänge und Ausbildungsmethoden an Schulen drastisch wandeln, so die einhellige Meinung auf dem Panel. Plakativstes Beispiel: Der Overhead-Projektor wird von Schülern laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung immer noch zehnmal mehr genutzt als das Tablet. 

Umdenken, Identität und Absicherung ohne Festanstellung

Der Arbeitsmarkt war immer ein Asset der deutschen Wirtschaft, so der Konsens der Fazitrunde. Umso dringender sei deutsche Initiative gefragt, um neuen Modelle für und mit der Realität von KI zu entwickeln. Das bedingungslose Grundeinkommen als politisches Modell verliere dabei an Befürwortern, zumal Studien die starke Identifizierung von Menschen über Arbeit zeigen. Entscheidend für einen Arbeitsmarkt, der Berufe in flexiblere Tätigkeiten und Einkommensmodelle herunterbreche, sei es, neue Formen der sozialen Absicherung und Bindung außerhalb und innerhalb von Unternehmen zu gewährleisten. Ein erster Schritt: Neue Modelle schneller zu testen. Das prägnante Fazit der Runde: Das Wort „gründlich“ müsse aus den Köpfen der Entscheider in Deutschland raus und durch eine gesteigerte Experimentierfreude ersetzt werden.

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