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MM2020 und die Reform des Zulassungsverfahrens für das Medizinstudium

by Bianca
Reform Medizinstudium, Numerus Clausus, Masterplan Medizinstudium 2020

Zunehmender Ärztemangel bei gleichzeitig steigender Nachfrage nach Medizinstudienplätzen? Wer darin einen Widerspruch sieht, findet sich schnell in der jahrelangen Auseinandersetzung um eine Reform des Medizinstudiums und speziell der Zulassungsverfahren wieder. Nun werden erste konkrete Anpassungen gemäß des Masterplans Medizinstudium 2020 ausgearbeitet. Doch reichen sie aus?

1er-Abitur, Warteliste, Studienplatzklage, Auslandsstudium

Medizin ist eines der beliebtesten Studienfächer und das schon seit vielen Jahren. Ein Abitur mit einem 1er-Schnitt ist mittlerweile im Grunde genommen eherne Voraussetzung, um sich einen der begehrten Studienplätze zu sichern. Aus diesem strikten Numerus Clausus resultiert eine starke Segregation. Vielen angehenden Studierenden bleibt der Zugang zu einem Medizinstudium verwehrt. Die einzige Alternative ist die Inkaufnahme langer Wartezeiten, die bis zu 7 Jahre betragen können. Das ist auch in Hinblick auf die föderale Struktur des Bildungswesens – und die damit verbundene Unvergleichbarkeit von Schulabschlüssen über Ländergrenzen hinweg – problematisch. 

Daneben hat sich eine weitere Segregation nach Wohlstand des Elternhauses ergeben. Denn es war bislang eine Möglichkeit, die Universitäten auf die Bereitstellung eines Studienplatzes zu verklagen. Dadurch können junge Menschen aus finanzstarken Familien dennoch einen Studienplatz erhalten, auch wenn sie den NC nicht erreichen. Da ein solches Verfahren mehrere tausend Euro kosten kann, förderte dieser Umstand die Segregation ebenso wie die fehlende Diversität innerhalb des Medizinstudiums. Denn auch während des Studiums der Medizin sind Studierende bereits benachteiligt, die sich nicht ausschließlich auf den anspruchsvollen Inhalt fokussieren können, sondern ihren Lebensunterhalt mit einem Neben- oder Studentenjob erwirtschaften müssen. Auch die Alternative eines Medizinstudiums im Ausland, auf dessen Vermittlung sich zahlreiche Agenturen spezialisiert haben, kann zwar den erhofften Studienwunsch  erfüllen, ist aber mit vergleichsweise hohen Kosten verbunden.

Sinn und Unsinn des Numerus Clausus

Problematisch ist die Situation nicht nur für die Abiturienten, die sich den Traum eines Medizinstudiums nicht erfüllen können, sondern auch für die Gesellschaft. Nicht nur das Studium der Medizin alleine, sondern das Gesundheitssystem selbst sind reformbedürftig. Immer mehr Städte und Gemeinden stehen vor dem Problem, dass Sie keine Ärzte, insbesondere Fachärzte, finden. Ein Problem, dass die jahrelange Passivität der Bildungspolitik provoziert hat. Deshalb soll nun bis Ende 2019 eine neue Regelung erarbeitet werden, die die Zulassung zum Medizinstudium gerechter und einfacher machen soll.

Aktuell sieht die Auswahl der Bewerber für die medizinischen Studiengänge als Richtlinie eine 20-20-60 Verteilung vor. 20% über die Abiturnote, 20% über die Wartezeit und 60% über die Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH). Bei Letzteren entscheidet jedoch zumeist ebenfalls der Abischnitt über Zu- oder Absage. Überspitzt formuliert werden also bis zu 80% der Medizinstudienplätze per Numerus Clausus vergeben. Dadurch werden aber viele potentiell geeignete Kandidaten für ein Medizinstudium und damit langfristig auch für die medizinische Versorgung der Gesellschaft ausgeschlossen. Und das ist letztendlich das Gegenteil der ursprünglichen Zielsetzung des NC, der vor allem gewährleisten sollte, dass die besten Kandidaten für die gesellschaftlich so wichtige Ausbildung zum Mediziner ausgewählt werden.

Die Zahl der Studienplätze ist seit Anfang der 1990er-Jahre nahezu gleich geblieben, während sich die Zahl der Bewerber und auch der offenen Stellen in der Branche vervielfacht haben. Das einst durchaus sinnvolle Kriterium für die Auswahl von Studierenden ist so zu einem Flaschenhals geworden und bringt nicht mehr unbedingt die qualifiziertesten Mediziner hervor. Zweifelsohne sind Schulnoten ein wichtiger Indikator. Sie zeigen auf, ob Bewerber in der Lage sind das lange, stressige und lernintensive Studium erfolgreich zu bestehen. Der Abischnitt kann Auffassungsgabe, Fleiß und Disziplin belegen. Aber es zählen auch andere Parameter wie Empathie und die Fähigkeit, mit Patienten zu kommunizieren. Wesentlich schwerer zu prüfen als naturwissenschaftliche Kenntnisse, aber genauso lohnenswert.

Eine Reform für mehr Chancengleichheit im Medizinstudium

Neben der Zweckmäßigkeit diskutiert man längst auch die Rechtskonformität der NC-basierten Vergabeverfahren für das Medizinstudium. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hatte am 19. Dezember 2017 entschieden, dass das Zulassungsverfahren teils verfassungswidrig ist. Bis Ende 2019 soll es eine neue Regelung geben, wobei mindestens ein Auswahlkriterium gesetzlich verankert sein soll, welches nicht auf Noten basiert. Entsprechender Handlungsbedarf ist der Politik ohnehin längst bekannt und bereits im Koalitionsvertrag der Großen Koalition von 2013 verankert. 

Ergebnis dessen ist der sogenannte Masterplan Medizinstudium 2020, der im März 2017 in einem Beschlusstext vorgestellt wurde und eine Veränderung der Zulassungsregelungen vorsieht. Das Bundesverfassungsgericht hat nun zusätzlichen zeitlichen Druck geschaffen, da das für verfassungswidrig erklärte Verfahren ab dem 1. Januar 2020 nicht mehr gilt. Ohne Neuregelung drohe dann eine Klagewelle von Studienbewerbern.

Zu den Inhalten des Masterplans gehören die Reformierung der Studienzulassung durch geeignetere Auswahlverfahren, die Stärkung der Allgemeinmedizin und die Verbesserung der Praxisnähe im Medizinstudium. Dies sieht unter anderem eine frühe Vermittlung von klinischem Wissen vor.

Zukünftig sollen zwar immer noch 50% der vorhandenen Studienplätze der Universitäten an Abiturienten vergeben werden, die sich durch herausragende Noten qualifizieren. Allerdings sollen zusätzlich die Studierfähigkeit geprüft und praktische Erfahrung zur Qualifikationsmöglichkeit gemacht werden. Als zusätzliches Auswahlkriterium soll ein Medizinertest fungieren. In ähnlicher Form gilt er bereits in anderen Ländern als Voraussetzung für das Medizinstudium. Bewerber, die sich in diesem Verfahren nicht durchsetzen können, sollen eine weitere Option erhalten. Durch ein Bewerbungsschreiben können sie sich für ein persönliches Auswahlgespräch empfehlen. 

Nur ein erster Schritt auf dem Weg

Das Karlsruher Urteil und der Masterplan der Regierung lösen bei weitem nicht alle Probleme im Kontext der medizinischen Ausbildung. Daher gehen die Forderungen der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BvMD) auch deutlich weiter. Die Neugestaltung des Zulassungsverfahrens erhöht die Anzahl der Studienplätze an den medizinischen Fakultäten nicht zwangsläufig. Sie gehören zu den teuersten Studienplätzen überhaupt und den verantwortlichen Ländern fehlen oft schlichtweg die notwendigen finanziellen Mittel. Die Mehrzahl der Bewerber wird also weiterhin leer ausgehen.

Auch das Problem des Ärztemangels, vor allem auf dem Land, lässt sich so nicht lösen. Zu viele Medizinstudenten verlassen den medizinischen Sektor, um in der Privatwirtschaft mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen zu finden. Oder gehen ins Ausland. Die Regierungen und Hochschulen haben jetzt zunächst die Aufgabe, sich um ein neues, faires Verfahren für die Studienbewerber zu kümmern. Die Gesellschaft steht jedoch insgesamt vor der Herausforderung, das Gesundheitswesen auf die Anforderungen der Zukunft auszurichten und auch zukünftig die medizinische Versorgung zu sichern.

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