Studium ohne Abitur? Alternative Bildungswege beschreiten

Der klassische akademische Bildungsweg sieht vor, dass zunächst das Abitur absolviert wird und unmittelbar im Anschluss daran das passende Studium folgt. Doch ist das allein noch zeitgemäß? Für viele junge Menschen ist das keine Option. Dabei sind die Gründe die dafür so vielfältig, wie die Biografien der Menschen selber. Ein Studium und somit die Möglichkeit des Erwerbs der höchsten Bildungsabschlüsse sollte immer in Betracht gezogen werden können, auch wenn der klassische Bildungsweg zuvor verlassen wurde. Das bietet nicht nur persönliche Chancen, sondern ist auch im Interesse von Gesellschaft und Wirtschaft.


Wieso der Bildungsweg häufig vom Elternhaus bestimmt wird

Wenn Du Dich mit Studierenden unterhältst, die einen klassischen Bildungsweg absolviert haben und in diesem Bezug nachfragst, was die Eltern beruflich machen, dann wirst Du merken, dass der Großteil der Studierenden aus Akademikerhaushalten kommt. Das hat allerdings nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass diese Studierenden besser oder intelligenter sind, sondern lediglich damit, dass ihnen dieser Bildungsweg vorgelebt wurde. 

Studien belegen, dass die Bildung von Kindern mit dem beruflichen Werdegang der Eltern verknüpft ist. Das liegt daran, dass diese Eltern häufig ein höheres Einkommen erzielen und dadurch die Hürden im Bildungssystem einfacher bewältigen können. Dabei hilft ihnen auch die eigne Erfahrung ebenso wie die Vorbildfunktion. Denn Kinder orientieren sich in den ersten prägenden Phasen am direkten Umfeld und das ist die Familie. Aufgrund dessen gehen die meisten Akademikerkinder direkt auf das Gymnasium, was den Weg zum Studium ebnet. Dazu gehört auch, dass die Eltern als Berater fungieren, wenn die Kinder noch nicht wissen, was sie nachdem Schulabschluss beruflich machen möchten. Zudem stellen die Kosten, die mit einem Studium verbunden sind, keinen Angstfaktor dar, da die Eltern den Ablauf und auch die Möglichkeiten zur Unterstützung kennen. Dazu gehört auch, dass die Akzeptanz für diesen Bildungsweg, der auf eine weitere Abhängigkeit hinausläuft, nicht nur toleriert, sondern sogar gefördert wird. Es wird als Investition in die Zukunft der Kinder gewertet, die sich am eigenen Beispiel schon gelohnt hat. Diesen Vorteil haben aber viele Menschen nicht, die dennoch gerne Studieren möchten.

Das Studieren ohne Abitur – Ein Stiefkind der Bildungspolitik

Wenn die Politiker darüber debattieren, wie der Zugang zum Studium erleichtert werden soll, dann liegt der Fokus auf der gymnasialen Oberstufe aber nicht darauf, wie man das Potenzial von Jugendlichen fördern kann, die das Studium als zweiten Bildungsweg wählen. Denn viele ehemalige Auszubildende würden sich gerne weiterbilden. Als klassischer Bildungsweg wird aber der Betriebswirt oder der Meister dargestellt, und die Möglichkeit des Studiums ohne Abitur nicht ausreichend beleuchtet. Das liegt daran, dass auch bei den Beratenden häufig eine Scheu davor herrscht und die potenziellen Studierenden Sorge hinsichtlich der finanziellen Perspektive haben ebenso wie vor der Reaktion des Umfeldes. 

Dabei wird aber vergessen, dass durch das Absolvieren einer Ausbildung auch die Berechtigung zu einem Studium erlangt wird, das im selben Fachgebiet liegt. So kann ein Kfz-Mechatroniker nicht nur den Meister erwerben, sondern kann ohne Abitur, Fahrzeugbau studieren. Ein Studium, das einem jungen Menschen die Türen weltweit öffnen. Diese Möglichkeit gibt es für die meisten Ausbildungen und sollten auch genutzt werden. Denn Studierende, die ohne Abitur ein Studium beginnen, haben die gleichen Voraussetzungen, um ein Studium zu bewältigen. Diese Möglichkeit muss aber klarer transportiert werden, damit das Studium ohne Abitur zu einer echten Perspektive wird und nicht als Stiefkind der Bildungspolitik versauert.

Vorteile eines Studiums ohne Abitur

Viele ehemalige Auszubildende haben Angst, dass sie mit den klassischen Studierenden nicht mithalten können. Diese Sorge resultiert häufig aus dem unterschiedlichen Elternhaus ebenso wie daraus, dass ihnen das Wissen der gymnasialen Oberstufe fehlt. Allerdings würde diese Sorge wesentlich geringer wiegen, wenn klar kommuniziert würde, dass formale Aspekte an der Uni erlernt werden, unabhängig vom Bildungsweg, und dass sie fachliche Vorteile haben. Das Wissen, dass in der Oberstufe vermittelt wird, ist breit gefächert. So können sich die Gymnasiasten ausprobieren und eine hochwertige Allgemeinbildung genießen. Diese Wissensvermittlung haben Studierende, die nach ihrer Ausbildung ein Studium beginnen, nicht. Allerdings haben sie einen praktischen Einblick in die Thematik und kennen viele Aspekte des Studiums bereits aus der Ausbildung. Dadurch hast Du also einen konkreten Wissensvorteil, wenn Du Dich für ein Studium nach der Ausbildung entscheidest.

Zudem stehen diese Studierenden häufig finanziell besser dar. Wird der finanzielle Hintergrund vernachlässigt, dann können Studierende mit Ausbildung wesentlich bessere Jobs erlangen, da sie schon Vorwissen einbringen können. Zudem können viele Praktika durch die Ausbildung ausgelassen und diese Zeit in einen Nebenjob investiert werden. Das nimmt den Druck aus dem Studium und ermöglicht Freiräume, die sinnvoll genutzt werden können. Studierende ohne Abitur können häufig ruhiger und effektiver studieren und profitieren oft von einer besseren finanziellen Absicherung. All das sind Schlüsselaspekte, die nicht nur von den Schulen, sondern auch von den Berufsberatungsstellen vermittelt werden müssen. Denn diese Chancen können nur wahrgenommen werden, wenn Sie klar kommuniziert und vermittelt werden. Dazu gehört auch eine umfassende Aufklärung und die Wahrnehmung der Sorgen und Ängste. 

Denn auch die gesellschaftlich Sichtweise muss sich ändern, um den Start in ein Studium ohne Abitur zu erleichtern. Dazu gehört, dass das Alter keine Aussagekraft über die Qualität des Studierenden hat. Es ist lediglich ein Ausdruck der persönlichen Biografie. Ein Umstand, von dem auch viele klassische Studierende profitieren würden. Es muss sich vieles ändern, aber eine alternde Gesellschaft kann es sich nicht leisten, Menschen ihre Potenziale nicht wahrnehmen zu lassen, von denen wir alle profitieren möchten.

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